Umwelttage Basel
«Vorbilder für die Welt von morgen»
9. – 11. Juni 2017
Gemüse teilen
Fidel Stadelmann «Foodsharing»

Mensch und Gemüse haben eine Gemeinsamkeit, die die Foodsharing-Gemeinschaft zu würdigen weiss: In Wahrheit sind wir alle Unikate mit unseren ganz eigenen Macken und Dellen – auch die ausgemusterten Mängelexemplare können exquisiten Charme entfalten.

1000 Kilo Tomaten, ein paar Tonnen Bohnen

Fidel Stadelmann sitzt auf einer Mauer vor dem Veloabstellplatz der Kunsthochschule im Dreispitz in der Sonne und macht Notizen in seiner Agenda. Der Kalender ist einzigartig, jedes Blatt einzeln von Hand erstellt und selbst gestaltet. Der junge Student hat nicht nur einen aussergewöhnlichen Zeitplaner, der hochgewachsene Mann mit dem straff zurückgebunden Haar steht auch ganz gern früh auf.

Jeden Montag und Mittwoch um 7 Uhr fährt er mit seinem Fahrrad in den Gemüse- und Früchtegrosshandel im Dreispitzareal in Basel. Er weiss nie so genau, was ihn dort erwartet. Mal sind es 1000 Kilo Tomaten, ein paar Tonnen Bohnen oder  wie im letzten Sommer auch schon mal 7000 Ananas. «Die waren nach einem Tag alle weg», sagt er. Heute sind es ‚nur‘ zehn Kisten Zucchetti, Peperoni und grosse hellrote Tomaten, die er für gut befindet und aussortiert. Mit seinem Veloanhänger transportiert er sie zu seinem sogenannten ‚Fairteiler‘, einem selbstgebauten Holzregal, das aussieht wie ein Marktstand. Im Laufe des Vormittags kommen dauernd Menschen, vornehmlich junge Studierende, die sich hier selbst bedienen. Gratis, versteht sich. Auch zwei Bauarbeiter halten mit ihrem Transporter an und  begutachten ausführlich die Gemüsepalette.

Seit gut einem Jahr ist der Kunststudent bei Foodsharing Basel aktiv dabei. Eine Mitstudentin hatte schon länger in Deutschland mit dem Gründer der Lebensmittelrettungs-Gesellschaft zusammengearbeitet. Jetzt ist der 21-jährige Fidel, der in Mallorca aufgewachsen ist, selber ein sogenannter Betriebsverantwortlicher von Foodsharing Basel und Teil einer lebendigen Bewegung. Ihn stört, dass Gemüse und Obst, das, weil zu gross, zu klein oder zu krumm, den Stempel ‚nicht marktgängig‘ erhält, entweder gleich nach der Ernte untergepflügt wird oder sonst später beim Grosshändler im Müll landet. Vor wenigen Wochen konnten sich Fidel und seine zahlreichen Foodsharing-Freunde über sieben Tonnen ausgemusterte Kartoffeln von einer Biogärtnerei erfreuen. Sie waren zu gross, zu unperfekt. Deshalb wurden sie ausgesondert und zu chancenlosen Sonderlingen abgewertet.

Die Resonanz auf seine Interventionen im ‚Studentenquartier‘, wie Fidel den Campus nennt, ist gross - auch die Verantwortlichen der Kunsthochschule scheinen Gefallen daran gefunden zu haben. Es gibt an dieser Kunsthochschule offensichtlich viel Raum für Freiheit und einen guten Boden für selbstermächtigtes Schaffen. Seine Kochevents draussen auf dem Vorplatz des neuen Unigebäudes mit selbstgebauter Outdoor-Küche sind besonders beliebt. Und man fühlt sich wohl weniger verloren auf dem neuen Hightech-Gelände.

Jedes Gemüse ist ein Unikat
Fidel Stadelmann

Um Bewilligungen hat sich Fidel nie gekümmert. Er handelt aus «innerer Notwendigkeit», wie er sagt. Warum sollte man etwas dagegen haben, wenn es sinnvoll ist und nicht schadet? Kochen ist soziale Kunst und jeder schaffende Mensch ist ein Künstler. Auch die alte Kulturtechnik des Einkochens hat es zum Kunstevent geschafft. Kein Wunder wird der unkonventionelle Kreative immer wieder für Aktionen von anderen Künstlern angefragt oder zu Installationen und Performances eingeladen. 

Das Gute, das Positive leitet Fidels Tun unter Einsatz seiner ganzen Person. Er setzt sich nicht nur für eine nachhaltige Esskultur und gegen Verschwendung ein. Kunst ist für Fidel Stadelmann eine interdisziplinäre Sprache zwischen Natur und Mensch, die vermitteln und Gesellschaft verändern kann, eine Kunst der Konversation mit dem Leben - ohne Sachzwänge und ohne Diktat von Finanzen. Man darf gespannt sein, wo Fidel und seine Community künftig weiter intervenieren werden, frei nach dem Motto: «Jedes Gemüse ist ein Unikat».

Autoren
Text: Anette Graupe
Video: Michael Kempf, Manuel Miglioretto
Fotos: Michael Kempf, z.V.g. Foodsharing

Kurzprofil
Foodsharing e.V.
Marsiliusstr 36
50937 Köln
www.foodsharing.de

Weitere Vorbilder
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Wer das Kulturbüro an der Florastrasse betritt, denkt zuerst eher an Kultur und Kunst als an den verantwortungsvollen Umgang mit Material oder an Müllvermeidung. Darum geht es aber auch: Wer Dinge teilt statt kauft, bremst den Konsum von Gütern und vermeidet Müll.

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Barbara Buser

Barbara Buser ist in Basel eine, wenn nicht sogar die Instanz im Umdeuten von Orten, Räumen und Besitz. Ihr ist es gelungen, Zusammenhänge zu schaffen, die mehr geben, als nehmen. Die Menschen finden dort in ihren Feldern, Unternehmen, Werkhöfen und Silos Bindung an einen vertrauten Ort zum Wohnen und Sein  –  und damit eine Form von Heimat.

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