Umwelttage Basel
«Vorbilder für die Welt von morgen»
4.–7. Juni 2015
Equipment teilen statt kaufen
Angie Ruefer, Florian Olloz «Kulturbüro Basel»

Wer das Kulturbüro an der Florastrasse betritt, denkt zuerst eher an Kultur und Kunst als an den verantwortungsvollen Umgang mit Material oder an Müllvermeidung. Darum geht es aber auch: Wer Dinge teilt statt kauft, bremst den Konsum von Gütern und vermeidet Müll.

Konsum nachhaltiger gestalten

Sonst ist es kaum so still wie heute bei unserem Treffen. Reges Treiben herrscht normalerweise im Werkstattbüro. Heute, am Montagmorgen, ist das Kulturbüro an der Florastrasse 1 im Kleinbasel geschlossen. Daher sitzen Angie Ruefer und Florian Olloz für einmal etwas länger bei einer Tasse Kaffee auf dem Sofa. Florian arbeitet seit der Gründung des Kulturbüros im Jahr 2008 hier, gemeinsam mit Angie führt er die Geschäfte seit dem Jahr 2010.

Jeder, der unser Angebot in Anspruch nimmt, trägt einen Teil zur Vermeidung von Elektroschrott bei.
Florian Olloz

Beide begeistert die Vielseitigkeit ihrer Tätigkeit sowie der professionelle und kreative Umgang mit Technik. Und der Umweltgedanke ist stets präsent: "Was vielen erst auf den zweiten Blick klar wird, ist, dass wir mit unserem Angebot und den Dienstleistungen einen Beitrag zur Vermeidung von Elektroschrott leisten. Jeder, der es in Anspruch nimmt, trägt einen eigenen Teil dazu bei", sagt Florian. Allein in der Schweiz werden pro Jahr rund 130'000 Tonnen Schrott aus elektronischen Geräten gesammelt und verwertet. Sammeln und die Kreisläufe schliessen, sei zwar gut, ökologisch viel sinnvoller sei es aber, Elektroschrott gar nicht erst entstehen zu lassen, so Florian.

Was brauche ich wirklich?

Das Kulturbüro Basel ist eines von fünf Kulturbüros in der Schweiz. Es vermietet Kulturschaffenden professionelles Equipment für Produktion und Dokumentation von Kunstprojekten, Konzerten und Performances. Des Weiteren dient es als offenes Büroatelier mit vier Arbeitsstationen - auch das ist sinnvolles Teilen. So kann man Drucken, Digitalisieren, Konvertieren, Vervielfältigen etc. Neben Angie und Florian stehen den Kundinnen und Kunden auch Alexander Bollag, Marlon McNeill und Florian Lauber beratend zur Seite. "Wer etwas mieten möchte, muss persönlich vorbeikommen", betont Angie. Bei der Beratung kommen oft Fragen über das eigene Konsumverhalten zur Sprache: Was brauche ich überhaupt, sei es für den Kurzfilm oder meine Theaterperformance? "Wir können direkt Einfluss nehmen", erklärt Angie. "Oft denken die Leute, sie bräuchten das neuste Gerät. Im Gespräch merken sie dann, dass das genauso gut mit anderen Mitteln, etwa einem Handy, machbar ist."

Gerade weil der wichtigste Wachstumsmotor der Schweizer Wirtschaft der Konsum ist, ergänzt Florian, sei es mehr als nötig, über den Konsum nachzudenken. Wie können wir diesen nachhaltiger gestalten? Die Zahlen des Bundesamtes für Umwelt zeigen die Dringlichkeit auf: Die Konsumausgaben sind zwischen 1990 und 2013 um 74 Prozent auf 328 Milliarden Franken gestiegen. "Immer öfter werden technische Erweiterungen in Gebrauchsgüter eingebaut. Leuchtende Duschbrausen, Speicherkarten in Kugelschreibern etc. - das ist Technik, die bald im Hausmüll landet."

Beratung sei darum mehr denn je wichtig, auch darum, weil die Gebrauchsdauer von professionellen Geräten und technischem Equipment dauernd sinkt, sagt Florian. Die Leute fühlen sich fast gezwungen, immer Neues zu kaufen und die technischen Fortschritte bedingen dies sogar. Auch das Bedürfnis ändert sich. Alte Formate müssen transformiert werden, Datenträger können nicht mehr gelesen werden. "Jeder kann heute kleine Videos produzieren und online stellen. Das ist dann kein Elektroschrott, dafür Datenschrott", wie Angie lachend bemerkt.

Wir haben auch schon Geräte an Künstler weitergegeben, die Medienprojekte in Afrika unterstützen.
Angie Ruefer

Florian ergänzt: "Sich für die Umwelt zu engagieren, heisst ja nicht nur, Bioprodukte zu kaufen, Zug zu fahren oder Energiesparlampen einzudrehen". Sinnvolle Nutzung von Material und auch von gemeinsamen Arbeitsplätzen gehört dazu. Ein weiterer, kaum zu unterschätzender Vorteil des Kulturbüros: Die Geräte werden nach der Vermietung gecheckt und vor Ort oder mithilfe von Fachkräften repariert. Regelmässig wird generalüberholtes Equipment weitergegeben, alte Geräte werden umgenutzt oder es wird ein Technik-Flohmarkt organisiert. "Wir haben auch Geräte an Künstler weitergegeben, die Medienprojekte in Afrika unterstützen", erzählt Angie. Florian beherbergt im Kulturbüro einen Elektronik-Stammtisch für Kunstschaffende. Nur weil ein Gerät etwas nicht kann, muss man es nicht unbedingt gleich ersetzen. "Die Technik, welche uns die Industrie zur Verfügung stellt, ist limitiert. Mit Erfindergeist kann man eigene Funktionen konstruieren", sagt er.

Autoren
Text: Lioba Schneemann
Fotos: z.V.g. Kulturbüro Basel

Kurzprofil
Kulturbüro Basel
Florastrasse 1
4057 Basel

www.kulturbuero.ch/bs

Der Verein Kulturbüro Basel wird unterstützt von den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft, der Christoph Merian Stiftung und dem Migros-Kulturprozent.

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