Umwelttage Basel
«Vorbilder für die Welt von morgen»
4.–7. Juni 2015
Ressourcen kreativ nutzen
Simone Schelker, Tanja Gantner «Offcut»

In Basel gibt es seit rund zwei Jahren einen Materialmarkt, einen Secondhand-Künstler- und -Bastelbedarf, einen Projektraum für kreative Wiederverwertung. In Basel gibt es Offcut. Simone und Tanja sammeln und verkaufen Materialien, die nicht in die Mulde gehören, weil sie wissen, dass umweltinteressierte und kreative Menschen noch ganz viel daraus machen können.

Ein Verbindungsstück zwischen Gewerbe und Kultur

Offcut heisst Abschnitt. Abschnitte sind es denn auch, die in der 350 Quadratmeter grossen, hohen Lagerhalle im Dreispitz-Areal zu finden sind. Abschnitte im Sinne von Dingen, die in unterschiedlichsten Kultur-, Geschäfts- und Verarbeitungsprozessen übriggeblieben sind: Blachen, Schriften, Elemente von Messeständen, Textilien, Füllmaterial, farbige Folien, Stanzformen aus Karton, Holzwinkel, Schrauben, Plastikorangen, Metallfiguren und von vielem vieles mehr.

Secondhand-Materialmärkte sollten zu einem logischen Bestandteil der öffentlichen Wiederverwendungspraxis werden.
Simone Schelker

Offcut ist als Materialmarkt eine Ergänzung zu Brockenstuben oder zur Bauteilbörse, sagt Simone Schelker. Während ihres Kunststudiums hatte sie sich oft einen Fundus wie diesen gewünscht, aber nirgends etwas in der Art gefunden, auch nicht an anderen Orten in der Schweiz. Bei einem Aufenthalt in Australien stiess sie auf ein Geschäft, das diese Marktnische abdeckte: einen Materialmarkt mit Restposten als Verbindungsstück zwischen Gewerbe und Kultur. Zurück in der Schweiz suchte sie nach Möglichkeiten, diese Geschäftsidee selbst umzusetzen. Gemeinsam mit Tanja Gantner und Lucas Gross lancierte sie im Sommer 2012 das Nachhaltigkeitsprojekt Offcut als Rohstoff-Drehscheibe für kreative Wiederverwertung.

Im ersten Jahr war Offcut in der Aktienmühle im Kleinbasel einquartiert. Aber bald wurde der Raumbedarf zum kritischen Faktor und der heutige Standort, eine Lagerhalle im Dreispitz-Areal, eröffnete günstige Wachstumsperspektiven: mehr Platz für mehr Material plus grösstmögliche Nähe zur Hauptzielgruppe, den Kunststudierenden. Der Campus der Kunsthochschule liegt nur wenige Fussminuten von Offcut entfernt.

Simone und Tanja hatten sich vor einigen Jahren im Vorkurs an der Schule für Gestaltung kennengelernt. Tanja studiert heute Betriebswirtschaft. Sie hat nicht nur ein Flair für Materialien, sondern auch für Zahlen und kümmert sich deshalb um die administrative Seite des Geschäfts, die Buchhaltung und die Einsatzplanung der Mitarbeitenden im Verkauf. Simone ist Zeichnungslehrerin und Kulturmanagerin. Sie macht für Offcut das Fundraising und die Öffentlichkeitsarbeit. Zusammen mit Christian Mueller bilden sie zu dritt das Leitungsteam des Betriebs. Christian ist für die Materialakquise, Transporte und Infrastruktur verantwortlich.

Dass es Offcut gibt, hat sich schnell herumgesprochen, unter Lieferanten und Kunden. Zu Beginn des Projekts wurden Geschäfte und Institutionen angeschrieben und auf die Möglichkeiten des Materialmarkts aufmerksam gemacht. Verpackungen, Dekorations- und Präsentationsmaterial fällt überall in grossen Mengen an. Menschen, die im Kreativbereich oder in der Dekoration arbeiten, wissen um den enormen Materialverschleiss, sagt Simone. Deshalb ist es für Offcut ein Leichtes, laufend neue Materialspenden zu erhalten. Die Herausforderung besteht darin, langfristige Partnerschaften mit Firmen aufzubauen. Die Materialien gibt Offcut zu günstigen Preisen ab - ein wichtiger Punkt für Kreativschaffende.

Zur regelmässigen Kundschaft zählen - neben den Studierenden - Kunst- und Kulturschaffende, Designer, Bastler, Heimwerker, Lehrerinnen und Lehrer, Menschen mit einer ausgeprägten Sensibilität für Ressourcenverwertung, Haushalte mit kleinem Budget und Neugierige, denen die zufällige Rohstoffmischung bei Offcut einfach so als Inspirationsquelle gefällt.

Neben dem Materialmarkt bietet Offcut mit dem sogenannten Offcut Club auch ein Vermittlungsprogramm an. Der Club lädt zu Themenabenden über Materialkunde und Nachhaltigkeit ein, an denen kreative Herstellungs- und Verarbeitungstechniken vorgestellt werden. Da geht es zum Beispiel um die Herstellung von Störleder, die gestalterische Verarbeitung von Furnier und die Sharing-Community Pumpipumpe. Selbstverständlich findet über die thematische Vermittlung auch eine persönliche Vernetzung unter den Reststoffverwertenden statt.

Simone und Tanja sind überzeugt, dass Secondhand-Materialmärkte zu einem logischen Bestandteil der öffentlichen Wiederverwendungspraxis werden sollten. Ihre Vision ist es denn auch, dass es in ein paar Jahren in vielen Schweizer Städten Materialmärkte und eine solide Trägerschaft gibt, die diese Angebote stützt. Das Projekt Offcut steht heute noch alleine da. Aber die Sensibilisierung für Ressourcenknappheit nimmt zu. Offcut fördert diesen kulturellen Wandlungsprozess mit einem konkreten Angebot, bei dem Mitmachen jederzeit möglich ist, im Laden, in der Organisation, in der Werbung, an den Workshops. Oder mit einer Spende, materieller oder finanzieller Art.

Autoren
Text: Nicole Schwarz
Video: Manuel Miglioretto
Fotos: Manuel Miglioretto, Diana Pfammatter

Kurzprofil
Dreispitz Basel
Venedig-Strasse 30
4142 Münchenstein
www.offcut.ch

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Wendel Hilti ist seit neun Jahren bei Mobility Carsharing Schweiz verantwortlich für die Region Nordwestschweiz. Er ist nach wie vor ein grosser Fan dieses Unternehmens. Ihn fasziniert der Gedanke des gemeinsamen Nutzens und es ist für ihn fast wie ein Wunder: 3000 Autos werden von 120 000 Menschen geteilt – und es funktioniert!

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