Umwelttage Basel
«Vorbilder für die Welt von morgen»
4.–7. Juni 2015
Reparieren? Ja, gerne, mit Vergnügen!
Fabius Matulic «reparierBar»

Statt sich nur über die Materialverschwendung zu empören, kann jeder und jede die eigenen Handlungsmöglichkeiten nutzen und erweitern. Kein Mensch muss viel und billig kaufen, kein Mensch muss permanent Müll produzieren: Der Erfolg der reparierBar zeigt, dass es in unserer Macht liegt, von einer Wegwerf- zu einer Müllvermeidungsgesellschaft zu werden.

Defekte Gebrauchsgegenstände gemeinsam instand setzen

Eigentlich kann Fabius Matulic vor Publikum nicht reden und ein wohlorganisierter Manager ist er auch nicht. Bis vor zwei Jahren entsprach diese Vorstellung dem Selbstbild  des 32-jährigen Logistikers. Inzwischen ist er Mitorganisator der Basler reparierBar und wird immer wieder von Schulen, Gruppen und Personen aus der ganzen Schweiz für Vorträge angefragt.

Die Stimmung ist grossartig, wenn es blinkt, klappert und zischt und das Leben eines Produkts gemeinschaftlich verlängert werden kann.
Fabian Matulic

Im August 2013 hatte er die reparierBar zusammen mit vier Kolleginnen und Kollegen ins Leben gerufen. Ursprünglich sollte es nach vier Anlässen vorbei sein – doch der grosse Erfolg sprach fürs Weitermachen. Jeweils am Samstag von 11 bis 14 Uhr ist die reparierBar im Quartiertreffpunkt Burg am Burgweg 7 geöffnet. Hier trifft man sich, um gemeinsam defekte Gebrauchsgegenstände, unterschiedlichste Dinge und Geräte wieder instand zu setzen, sei es den Toaster, Anrufbeantworter oder das Grammofon.

Um 11 Uhr werden auf dem Areal des Warteck Stühle rausgestellt. Dort kann man sich bei Kaffee und Kuchen einstimmen oder entspannt eine Wartezeit überbrücken. Wie bei der Post zieht man eine Nummer und wer an der Reihe ist, wird in den Räumlichkeiten des Quartiervereins Burg schnell von der Begeisterung der Bastler angesteckt. Mit grosser Empathie lassen sich die passionierte Ex-Lehrerin oder der  pensionierte Tüftler und viele weitere Allrounder auf jeden Gegenstand ein und versuchen ihr Menschenmögliches, damit die defekten Rollschuhe der Tochter wieder rund laufen oder der Toaster wieder einrastet. Auch dem geliebten Teddybären wird das verlorene Auge ersetzt. Nur die Reparatur des Handys, Smartphones oder der Gangschaltung sollte man nach wie vor den Fachgeschäften überlassen, auch das Umnähen des Mantelsaums.

Mit der Zeit, so berichtet Fabius Matulic, steigt der Geräuschpegel wie bei einer Lokomotive an, hie und da werden der Staubsauger oder das Radio getestet und ziehen die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich. Es wird gemessen, gelötet, geschraubt und geklebt. Die Stimmung ist grossartig, wenn es an den Tischen blinkt, klappert und zischt und am Schluss das Leben des Produkts gemeinschaftlich verlängert wurde. Die Freude darüber ist sicht- und spürbar. Und diese Freude ist es auch, die Fabius und seine Leute motiviert und antreibt, sich freiwillig und unentgeltlich einzusetzen.

Die reparierBar ist wohlgemerkt keine Reparaturwerkstatt, sondern vielmehr eine praktische  Massnahme gegen Materialverschwendung und Entmündigung durch sogenannte geplante Obsoleszenz: Produkte gehen mit voller Absicht der Hersteller kurz nach Ablauf der Garantie kaputt.

Die Verantwortlichen der reparierBar möchten das Reparieren wieder kultivieren und leisten deshalb Hilfe zur Selbsthilfe. Auch vermeintlich Unbegabte überraschen sich oft selbst, indem sie stolz feststellen, dass sie ja auch selber einen Knopf wieder annähen können. Durch diese Form der Selbstbefähigung eignen sie sich den Kontakt zu ihren Dingen wieder an. Wer selber repariert und nicht gleich wegschmeisst, erhöht die Wertschätzung für die Dinge und damit wächst auch die eigene Selbstachtung.

Fabius Matulic stellt einen um sich greifenden Werteverlust fest. So verraten die schicken, billigen Handys heute ja so gut wie nichts mehr über die Arbeit und das Material, das unter ihrer glatten Oberfläche steckt. Doch damit ein Gegenstand reparierfähig ist, muss er von besserer Qualität sein, als es die meisten Wegwerf- und Billigprodukte sind. Matulic rät, auf Schnäppchen zu verzichten und im Zweifelsfall das teurere Gerät zu wählen, das sich wieder reparieren lässt und eine längere Lebensdauer hat. Sonst zahlen unterm Strich alle drauf, Konsumenten, Umwelt und Natur.

Rheinschwimmer Fabius Matulic glaubt an die Ausbreitungskraft guter Ideen. Wie konzentrische Kreise haben sich Repair Cafés in kurzer Zeit von Holland über Deutschland in die Schweiz ausgebreitet und ziehen von hier aus bereits weitere Kreise. Vergleichbar mit einer ‚lustigen Grippe‘, wie es der Vater einer einjährigen Tochter ausdrückt, lassen sich Menschen in vielen Städten und Gemeinden in der Schweiz vom Vergnügen des Reparierens anstecken.

So wie Fabius Matulic selbst und mit ihm viele andere den Mut hatten, kann sich jeder gemeinsam mit Engagierten der reparierBar ans Innenleben defekter Dinge heranwagen - Auswirkungen aufs eigene Leben, innen wie aussen, sind dabei nicht ausgeschlossen.

Autoren
Text: Anette Graupe
Video: sun21
Fotos: z.V.g. reparierBar

Kurzprofil
Quartiertreffpunkt Burg
Burgweg 7
4058 Basel
www.reparier-bar.ch

Weitere Vorbilder
Stephan Gutzwiller

Stephan Gutzwiller, Umweltnaturwissenschaftler und Energie-Ingenieur ist eigentlich per Zufall zur Pflanzenkohle gestossen. In seiner Werkstatt im Gundeldinger Feld entwickelt er seit einigen Jahren grosse und kleine Produktionsanlagen, zum Beispiel den Schweizer Pyrocook - eine Art moderner, schadstoffarmer Kohlenmeiler.

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Barbara Buser

Barbara Buser ist in Basel eine, wenn nicht sogar die Instanz im Umdeuten von Orten, Räumen und Besitz. Ihr ist es gelungen, Zusammenhänge zu schaffen, die mehr geben, als nehmen. Die Menschen finden dort in ihren Feldern, Unternehmen, Werkhöfen und Silos Bindung an einen vertrauten Ort zum Wohnen und Sein  –  und damit eine Form von Heimat.

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