Umwelttage Basel
«Vorbilder für die Welt von morgen»
4.–7. Juni 2015
Ein Kompetenzzentrum für Upcycling
Rahel Schütze, Simone Cueni «zweitesDesign»

Rohstoffschonend, lokal, direkt - das charakterisiert die Produkte von zweitesDesign. Aber in erster Linie ist das Vereinslokal an der Gerbergasse 77 in Basel ein Ort der Inspiration. Dafür sorgen Rahel Schütze und Simone Cueni.

Damit aus vermeintlichem Müll vollwertige Produkte werden

Die Allschwilerstrasse ist eine lebendige Quartierader. Trams und Autos verkehren von früh bis spät. Trotzdem sind die Trottoirs belebt. Die Bewohnerinnen und Bewohner der angrenzenden Strassen erreichen die Geschäfte zu Fuss, die Supermärkte, die Bäckerei, die Reinigung, den Velohändler – und natürlich auch den Laden von zweitesDesign Verein für Upcycling.

zweitesDesign hat ein grosses Schaufenster. Ein einziger Blick erlaubt es nicht, alles, was ausgestellt ist, zu erfassen. Was man sieht, ist bunt, vielfältig und im eigentlichen Wortsinn eigenartig. Da gibt es Gegenstände mit Funktionen und aus Materialien, die bekannt und vertraut sind, aber völlig verblüffend kombiniert. Flaschenöffner aus Fahrradkränzen, Teller mit textiler Oberfläche, Gürtel aus Feuerwehrschläuchen, Notizbücher mit Schallplatten-Cover, Lampenschirme aus Plastiksieben, Kleider aus unterschiedlichsten Textilien. Verfügbares ist mit verfügbar Gemachtem verschmolzen. Die so entstandenen Produkte verkörpern auf reizvolle Weise Entschlossenheit. zweitesDesign verkauft Dinge, die es eigentlich nicht gibt. Oder vielmehr, die es nicht mehr gäbe, wenn die Idee, aus Dingen andere zu fertigen, nicht schneller und besser gewesen wäre.

Die Idee, eine Plattform für Upcycling zu schaffen, hatten Simone Cueni und Rahel Schütze vor rund zwei Jahren. Simone, Ernährungsberaterin, Mutter von vier Kindern, und Rahel, Dekorationsgestalterin, Mutter von drei Kindern, lernten sich in einer Nähgruppe im Quartiertreffpunkt Stöberstrasse kennen. Die beiden teilten die Erfahrung, mit kleinen Kindern in besonderem Masse der Konsumpflicht ausgesetzt zu sein. Und sie teilten das Bedürfnis, gerade wegen der Kinder und deren Zukunft dem vermeintlichen Pflichtkonsum und der Rohstoffverschwendung etwas entgegenzusetzen. Kleider mit anderem Textilmaterial aufzuwerten, war der erste naheliegende Schritt. Stoff ist teuer, in jedem Schrank gibt es Kleider, die zu klein, zu alt oder fast vergessen sind. Rahel und Simone kombinierten das eine mit dem anderen, schufen wunderbare Unikate und damit das gemeinsame Label „Aufgehübscht in Basel West“. An Strassenfesten und auf Quartiermärkten verkauften sich die einmaligen Kleidungsstücke ausgezeichnet. Fürs Erste. Aber die Idee, die die beiden hatten, sollte weiter tragen. Sie wollten ausprobieren, ob es für Dinge, die der Gegenentwurf zum gedankenlosen Rohstoffverbrauch sind, einen Markt gibt. Sie wollten für ihre Kleiderkollektion und weitere seelenverwandte Labels einen Raum schaffen, der es erlaubt, sichtbar zu machen, wie Upcycling geht, wie man aus vermeintlichem Müll vollwertige Produkte schaffen kann.

Die Produkte, die wir zum Verkauf anbieten, bestehen mindestens zu 50 Prozent aus Restmaterial.
Simone Cueni

Simone sagt von sich selbst, dass dieser Tatbeweis, dass man aus Alt Neu machen kann, für sie so etwas wie eine Offenbarung gewesen sei. Und sie ist auch überzeugt, dass es viele Menschen gibt, die eigentlich über die Handfertigkeit und die Kreativität verfügen, Material geschickt zu bearbeiten. Was fehlt, sind Gelegenheiten, solche Ideen und Fertigkeiten lustvoll, gezielt und vielleicht auch unter kundiger Anleitung auszutesten. Deshalb war der Plan, den Rahel und Simone für ihren Upcycling-Laden hatten, schon zu Beginn mehr als nur der Wunsch nach einer reinen Vertriebsstätte. Der Ort sollte gleichzeitig Präsentationsraum und Brücke zur Öffentlichkeit, Atelier für eigenständiges Arbeiten und thematische Workshops sowie Treffpunkt für den Austausch über nachhaltige Alltagspraxis sein.

Eine erste Laden-Erfahrung ermöglichte ihnen eine Zwischennutzung in der Markthalle. Gemeinsam mit anderen hatten sie dort Gelegenheit, das Potenzial ihrer Idee kennenzulernen. Im August 2014 gründeten sie zweitesDesign Verein für Upcycling, dessen Zielsetzung es ist, für den Rohstoffverbrauch zu sensibilisieren. Das Vereinslokal an der Allschwilerstrasse 36 bezogen sie Ende Sommer 2014. Sie wählten für ihr Projekt bewusst die juristische Form des Vereins, weil der kommerzielle Aspekt des Ladens nur ein Teilaspekt des Ganzen sein soll. zweitesDesign will Menschen über die Praxis des Upcyclings zusammenbringen. Rahel unterstreicht, dass es aus diesem Grund für zweitesDesign keine Konkurrenz gibt. Der grösste Erfolg besteht in der gegenseitigen Inspiration. Von solchen Erfolgserlebnissen kann sie gleich mehrere nennen. Der Laden und das Atelier unterstützen ohne viel Zutun das Networking unter Gleichgesinnten. Nach wenigen Monaten bereits ist zweitesDesign zur Anlaufstelle, ja zum regionalen Kompetenzzentrum für Upcycling geworden..

Das einzige kommerzielle Ziel des Geschäfts von zweitesDesign ist es, mit dem Verkauf der Produkte die Miet- und Grundkosten zu decken. Deshalb ist es auch wichtig, dass das Angebot hohe Qualitätskriterien erfüllt. In diesem Punkt haben Simone und Rahel klare Kriterien entwickelt: Die Produkte, die sie zum Verkauf anbieten, bestehen mindestens zu 50 Prozent aus Restmaterial. Sie funktionieren, d.h. sie haben einen ausgereiften Entwicklungsprozess durchlaufen und können in nützlicher Frist reproduziert werden. Die Produkte sind von den Produzierenden selbst hergestellt und die Kunden haben die Möglichkeit, mit den Produzierenden Kontakt aufzunehmen. 70 Prozent der bei zweitesDesign erhältlichen Labels sind aus Basel, die restlichen 30 aus Zürich, Schaffhausen, Lausanne und Berlin. Mehrere Produzierende nutzen die Möglichkeit, einige Stunden pro Woche im Laden von zweitesDesign für Verkauf und Beratung präsent zu sein. Zusammengefasst heisst das Produkte-Motto deshalb: rohstoffschonend, lokal, direkt. Und inspirierend.

In nur einem Jahr ist das Sortiment von zweitesDesign von fünf auf 28 Labels gewachsen. Eine tolle Entwicklung! Vielleicht ging einiges auch zu schnell in dieser kurzen Zeit, sagen Simone und Rahel. Gelegentlich besteht die Gefahr der Verzettelung. Zu viele unterschiedliche Labels und Aktivitäten tragen nicht nur zur Schärfung des Profils bei. Auch macht die konstante Auseinandersetzung mit der Wertstoff-Thematik das Leben nicht nur einfacher. Trotzdem haben Simone und Rahel keine Angst vor jeder möglichen Entwicklung. In zwei bis drei Jahren sehen sie sich in einem grösseren Lokal mit mehr Möglichkeiten für Atelierplätze und Workshops. Das Experimentierfeld darf und wird sich ausweiten. Schon heute werden laufend Ideen an sie herangetragen, die über das konkret handwerkliche Upcycling hinausgehen. Genau dafür ist zweitesDesign da: Dass sich Menschen mit ihrem unterschiedlichen Background einbringen und Kompetenzen-Upcycling betreiben.

Autoren
Text: Nicole Schwarz
Video: z.V.g. zweitesDesign
Fotos: z.V.g. zweitesDesign

Kurzprofil
zweitesDesign Verein für Upcycling
Falknerstrasse 57 / Gerbergasse 77
4051 Basel
www.zweitesdesign.ch

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